Πέμπτη 5 Μαρτίου 2015
Τρίτη 9 Δεκεμβρίου 2014
Παρασκευή 5 Δεκεμβρίου 2014
DIE WELT: Den Sommer verlängern? Auf Santorin geht das noch
Nie ist Santorin beschaulicher als im Herbst, wenn die Charterflugzeuge ihren Dienst eingestellt haben und Urlauber Umwege in Kauf nehmen müssen. Doch die Reise auf die griechische Insel lohnt sich.
Wie klingt der griechische Herbst? Er klingt wie das Heulen der Vorias, der feuchtkalten Nordwinde, die sich über der verträumten Strandpromenade des Ortes Kamari im Süden der Kykladeninsel Santorin austoben. Der Wind lässt die Wellen gegen den schwarzen Lavastrand branden. Und er fegt die Spuren eines langen Sommers hinweg, in dem Santorin Besucherrekorde vermelden konnte.
Allein von Januar bis September besuchten 298.000 Menschen die Insel, das sind 26,1 Prozent mehr als im gesamten Vorjahr. Und 2014 ist noch nicht zu Ende! Denn die Romantiker unter den Urlaubern fahren jetzt nach Santorin, wenn das gedämpfte Herbstlicht wie ein Filter über der Landschaft liegt und sich die trubelige Urlaubsinsel in ein entschleunigtes Dorfidyll verwandelt.
Allein die Kykladeninsel zu erreichen ist ein kleines Abenteuer. Wenn die Chartermaschinen, wie jetzt im November, nicht mehr fliegen, können Besucher nur noch mit der Fähre von Piräus aus oder mit Aegean Airlines via Athen nach Santorin reisen. Das schreckt etliche ab. Schade, denn nun haben Flaneure auf dem Nymfon, der Strandpromenade, viel Platz.
Touristenorte kehren zur Ruhe zurück
Nur eine Handvoll Menschen bummelt über den Boulevard – überwiegend kinderlose Paare, aber auch Saisonarbeiter, die kurz vor ihrer Abreise die Seite gewechselt haben und erstmals freie Tage genießen. Sie sind stiller als die typischen Sommerurlauber.
Sonst hat sich eigentlich kaum etwas verändert – das Meer, der schwarze Strand aus Lavakies, dahinter das steil in die Brandung fallende Massiv des Hausbergs Messa Vouno. Ein in Stein gemeißeltes, leicht melancholisches Stillleben. Selbst die Folkloremusik, die aus den Lautsprechern klingt, klingt merkwürdig gedämpft: Warme Lautenklänge der Bouzouki statt Enrique Iglesias' "Bailando" oder David Guettas "Lovers in the Sun" fluten aus den Lautsprechern der wenigen noch geöffneten Tavernen. Und am Strand, da, wo noch vor Wochen allmorgendlich ein Kampf um die stets raren Liegen tobte, werden die letzten Schilfschirme abgeschraubt.
Einer Springflut gleich rauscht das aus dem Pool des "Hotels Elixir" abgelassene Wasser durch ein unter dem Boulevard zum Strand führendes Ablassrohr, bahnt sich dann seinen Weg über den schwarzen Strand bis zum Meer.
Die Illusion des Sommers lebt fort
Der Strom reißt liegen gebliebene Sonnenmilchtuben und Eisverpackungen mit. Doch Dimidos, der umtriebige Hausmeister im Blaumann, tilgt auch diese Spuren des Sommers. Er ist ein Spaßverderber, so, wie das Putzkommando auf einem Musikfestival, das am Morgen aufzuräumen beginnt, während die letzten Partygäste noch tanzen.
Anton Sebastian, der 27-jährige Kellner im Hotel "Reflexion Sea", hat eben erfahren, dass er nicht mehr benötigt wird. "Ich hatte erwartet, noch eine Woche länger zu arbeiten. Aber es ist okay so. Übermorgen nehme ich die Fähre", sagt er. Er wird in seine nordrumänische Heimat fahren, wo seinen Eltern ein kleiner Hof in den Karpaten gehört.
Foto: Infografik Die Welt
Bis Athen nimmt er das Schiff, weiter geht es bis ins rumänische Cluj mit dem Bus, eine 24-Stunden-Tour. Hauptsache, die Rückreisekosten fressen nicht die Ersparnisse des Sommers auf. Denn der Winter wird lang. Auch für seine Kollegin, die 25-jährige Griechin Stefania Legkitsa. Sie wird noch helfen, das Hotel "winterfest" zu machen, im November hilft sie ihren Eltern bei der Olivenernte. Den Winter über bleibt sie in ihrer Heimatstadt Athen und hofft, dass sie bis April der Ruf des Hotelbesitzers ereilt.
Doch im Hotel "Bellonias Villas" bleibt die Illusion eines Sommers, der nie endet, noch ein wenig erhalten: Am windgeschützten Pool auf bequemen Diwanen lümmeln sich Sunnyboys und Frauen mit Modelmaßen und schlürfen Cocktails. Gut gelaunt verteidigt der Barmann seine Bastion, summt die Hits des Sommers mit, als wolle er gegen das Saisonende ansingen.
Das Meer hat noch 20 Grad Celsius
Vor den Restaurants, die noch geöffnet haben, dem "Zorbas", dem "Almira", wird jetzt offensiver um das auf dem Boulevard flanierende Häuflein Gäste gebuhlt. Das Prinzip ist einfach: keine Gäste, keine Jobs mehr. Und für viele Saisonarbeiter zählt jeder Tag. Die Besitzer entscheiden oft über Nacht, ob sie am nächsten Tag dichtmachen – oder einen weiteren Tag Personalkosten riskieren. Wer jetzt sein Geld für den langen Winter nicht verdient hat, schafft es nicht mehr.
Das gilt auch für das Häuflein chinesischer Masseure am Strand. Verirrt sich doch ein Gast auf eine der wenigen Liegen, wird er umgehend im lückenhaften Englisch und unter Zuhilfenahme einer kleinen Tafel, auf der die Fußreflexzonen aufgezeichnet sind, umworben. Zumeist erfolglos. Die Menschen, überwiegend deutsche und britische Touristen, wollen ein letztes Mal im Meer baden – und vor allem in Ruhe gelassen werden. Die Griechen halten sich daran, sie setzen ohnehin bei 20 Grad keinen Fuß mehr ins Wasser. Zu kalt!
Und gedanklich sind sie schon in der Osterzeit, wenn Santorin wieder aus dem Winterschlaf erwacht und die nächste Saison beginnt. Monate werden vergehen, bis zur Wiederauferstehung Santorins um die Osterzeit.
Monate, die vor allem für die Katzen hart werden. Sie ahnen die Entbehrungen, die der Winter für sie bedeutet. Nach einer Zeit des Überflusses streichen sie auf der Suche nach den verschwundenen freigiebigen Sommerurlaubern durch die Hotelhöfe in der Hoffnung, auf ebenso freigiebige Herbstgäste zu treffen. Jetzt, im November, haben sie noch Glück. Doch spätestens im Dezember wird es schwerer, aber dann ist ja bald Weihnachten.
Παρασκευή 21 Νοεμβρίου 2014
Τετάρτη 19 Νοεμβρίου 2014
Τετάρτη 5 Νοεμβρίου 2014
Das stille Dorf im Olivenhain
Ein Architekt verliebt sich in ein verlassenes Nest auf Kreta und kauft
Ruine um Ruine. Heute freut sich der letzte Einheimische, dass Gäste das
Leben nach Kapsaliana zurückbringen. von Christian Schüle
Manchmal hört man auch gar nichts, dann ist die Stille total; es ist verblüffend, wie sehr der Mensch darin verloren gehen kann. Kein Motorengeräusch, kein fernes Flugzeug, nicht einmal ein Traktorgeratter. Kein Kirchenglockengeklöppel, kein Geläute vom Ziegenhals. Wie spät mag es sein? Neun oder elf oder drei, einerlei. Die Dachterrassentür steht offen, die Luft duftet nach Jasmin, und von der nahen Schlucht ziehen heiße Böen durchs Geäst der Olivenbäume. Die Sonne sticht früh herab und wandert, aber in Kapsaliana ändert sich nichts. Dieses Dorf liegt stumm am Hang und schweiget allezeit. Dem Dauergeschwätz der Welt hält es Dauerstille entgegen, wohltuenden Frieden. Doch das Dorf ist kein Dorf allein. Das Dorf ist jetzt ein Hotel. Es gibt zwei Gassen, ein Portal mit venezianisch anmutendem Rundbogen, 17 alte Steinhäuser – und eine lange Geschichte.
1763 ließ das vier Kilometer entfernt liegende Kloster Arkadi mitten im größten Olivenhain Kretas eine neue Ölpresse errichten. Immer schon lebte die Gegend um Kapsaliana vom Öl, mit ihm werden die Neugeborenen beträufelt und die Verstorbenen benetzt, und manche der über 1.200 Bäume rund um das Dorf sind 800 Jahre alt. Arbeiter siedelten sich an, um 1800 zählte das Dorf 50 Einwohner. Eineinhalb Jahrhunderte lang passierte wenig, die Haine wurden gepflegt, Oliven geerntet und gepresst.
1955 jedoch beschloss die Klosterleitung, den Standort aufzugeben und an anderer Stelle eine größere Anlage zu bauen. Die verbliebenen Arbeiter wurden alt, ihre Kinder zogen fort. Zwanzig Jahre später lebten nur noch zehn Einwohner hier, alle anderen waren gestorben oder über die schmale, schotterige Straße vom Dorf hügelaufwärts gezogen, in die nächstgrößere Siedlung Amnatos oder weiter. Als alles daniederlag und nur noch Frau Stamaktatis und ihr Neffe Manolis im letzten Haus am Ende der Gasse lebten, kam der kretische Architekt Myron Toupoyannis an Kapsaliana vorbei. Er arbeitete damals in Paris und war, wie jedes Jahr im August, auf Urlaub in der Heimat. Aus dem Auto eines Freundes erblickte er die Schönheit der Ruinen und fasste einen beinahe verwegenen Plan: dieses ruinierte Dorf als Hotel wieder aufzubauen. Und dabei jener Tradition Respekt zu erweisen, die ihn seit jeher faszinierte: der Kunst der Einfachheit.
Zwei Jahre später hatte er die ersten drei Ruinen erworben, dann das verfallene Gebäude der Ölpresse. Mit den Jahren kamen weitere Häuser dazu, der Aufkauf des Dorfs wurde zum Langzeitprojekt. Schließlich fuhr Toupoyannis hinauf zum Arkadi-Kloster, das 1866 beim Aufstand der Kreter gegen die türkischen Besatzer zu Weltruhm gelangte und ein beliebtes Ziel von Touristen ist. Bei zwei, vielleicht drei Gläsern Raki überredete er den massigen Abt Gabriel, ihm die Häuser zu verkaufen, die noch das Kloster besaß, und obendrein drei Hektar Land um das Dorf herum. Seither gehört ihm ganz Kapsaliana – bis auf ein Haus, in dem immer noch der inzwischen ergraute Manolis wohnt. Als neuer Besitzer, Investor und Architekt hätte Toupoyannis hier allerhand Gigantisches anstellen können: einen Vergnügungspark bauen oder einen Luxuskomplex, doch der neue Eigentümer ließ alles, wie es war. Er riss nichts ab, ebnete nichts ein. Er baute wieder auf und an und ein wenig um. Sein Team begradigte Wände und fügte den Ruinen hinzu, was die Zeitläufte ihnen genommen hatten – mit Stein und Holz aus der Umgebung und in der Schnörkellosigkeit der traditionellen Dorfarchitektur. Die Wohnräume der Oliven-Arbeiter von Kapsaliana wurden zu Suiten, ohne dabei ihre Einfachheit zu verlieren – das Alte ist neu auf alt gemacht.
Im Juni 2008, mitten in der tiefsten Wirtschaftskrise Griechenlands, eröffnete das Kapsaliana Village Hotel mit 21 Wohneinheiten, davon 17 in den alten Steinhäusern. Alle mit Holzdecke und weißen Vorhängen, beigem Putz und moderner, dezent versteckter technischer Ausstattung. Alle mit eigenem Eingang, eigener Terrasse und einem Namen, der eine Referenz an die Poesie des zauberhaften Sternenhimmels ist: Cassiopeia etwa, Orion, Eridanus oder Pleiades. Wer den gewundenen Weg auf schmaler Landstraße durch das Hinterland der Küsten auf sich nimmt, weiß genau, was er will: den Luxus der Stille, Rückzug und weitgehende Menschenverlassenheit.
Inzwischen ist Myron Toupoyannis 67 Jahre alt, und Kapsaliana ist sein Lebenswerk geworden, dem er sich mit ungebrochener Energie widmet. Weil ihn die Hektik der französischen Hauptstadt nervte, kam er zurück auf die Insel, in sein Hotel, wo er heute in einem der alten Häuser wohnt und das Dorfleben mit seinen Gästen aus den Niederlanden, Deutschland, Frankreich und England teilt. Das Dorf ist überschaubar: Von der dem Erzengel Michael geweihten Kapelle an seinem oberen Rand erreicht man das Portal am unteren Ende mit wenigen Schritten, der Weg ist neu gepflastert und nun auch für hohe Absätze gefahrlos. Von hier geht es noch zwei Treppenstufen hinab, dann steht linker Hand die Halle, in der die Oliven verarbeitet wurden. Die Original-Schraubenpresse, der Mahlstein und das Steinbassin sind von mystischem ölgelbem Licht museal in Szene gesetzt.
Draußen, in Gemäuernischen zwischen den Häusern, sind schlichte Tische mit cremefarbenen Stühlen arrangiert, dickbäuchige Öl-Amphoren ruhen wie Kunstwerke im öffentlichen Raum. Außerhalb des alten Dorfs ließ Toupoyannis Feigen- und Aprikosenbäume, Rosmarin-, Oregano-, Salbei- und Minzesträucher pflanzen, deren Aromen bereits von Weitem zu riechen sind. Hinter dem Garten baute der neue Dorfherr einen L-förmigen Komplex: mit Restaurant und Laube, mit Rezeption und Büro, dazu vier neue Häuser für die Gäste, die absolute Abgeschiedenheit suchen. Denn trotz aller Zivilisationsferne bietet Kapsaliana in seinem Kern jene Enge und Intimität ineinandergeschachtelter Mauern, die alte Dörfer an sich haben.
Doch selbst wenn alle Räume belegt sind, sieht man tagsüber niemanden. Sogar am Pool kann man in von Bäumen und Büschen gerahmten Nischen liegen, ohne jemanden zu Gesicht zu bekommen. Wer doch die Gegenwart eines anderen bemerkt, verfällt in ein Flüstern, als habe sich die Stille der Natur auf ihn übertragen. Nur abends im Restaurant, von dessen Laubendecke die Lampen herabhängen wie Vollmonde, treffen die Gäste etwas lauter zusammen, als wäre dort der alte Dorfplatz, auf dem einst die Arbeiter unterm Olivenbaum die Erlebnisse des Tages besprachen. Zart kommt eine Arie aus den Lautsprechern, Katzen schleichen um den Maulbeerbaum, und es werden Kalb und Schwein, Salat und Gemüse, Käse und Brot im Slow-Food-Stil serviert: das, was der kretische Boden hergibt, was in und um Kapsaliana wächst und aufwächst, was die Jahreszeit abwirft.
Dass das Dorf einmal verfallen war, ist nur noch an Details zu erkennen. Manche Mauer ist mit Unkraut überwuchert und eines der Häuser noch ein Steingerippe – das Dach fehlt, die Balken sind morsch, der Anblick der Ruine ist geradezu romantisch. Am Ende der Gasse, dort, wo sich der Pfad verjüngt und in den Lehm des angrenzenden Olivenhains hineinwindet, steht das Haus von Manolis Stamaktatis. 1948 wurde er hier geboren, nie hat er woanders gelebt. Seine Urahnen waren die Ersten, die sich um 1760 hier niederließen, heute ist Manolis der letzte Einheimische.
Der Alte und der Neue kennen sich gut, manchmal kommt Toupoyannis abends in Manolis’ Laube. Es gibt dann Erdnüsse, und Manolis schenkt Raki, den griechischen Grappa, aus einer Plastikflasche ein. Alles liegt bei ihm kreuz und quer, ungerahmte Fotos vergilben an der Wand, auf dem Tisch stehen Teller und Pfannen und unter den Tischen Flaschen und Kanister. Ja, sagt Manolis, Kapsaliana sei noch immer sein Zuhause, und nein, Myron sei kein Eroberer. Warum auch? Das Dorf sei fast verschwunden gewesen, da sei Toupoyannis aus dem Nichts gekommen und habe es gerettet. Und jetzt lebe es fort, ziehe Gäste an und sei schöner als je zuvor. Und das Haus? Sein Haus? Das letzte, das dem Village Hotel noch fehlt? 100.000 Euro, sagt Myron, würde er für Manolis’ Haus geben, mehr nicht. Manolis schweigt dazu. Er wartet und spekuliert, dass der Hotelbesitzer einmal mehr bieten wird.
Er wird umsonst warten, sagt Myron später auf dem Weg zurück ins Restaurant. Manolis’ Haus biete keine gute Aussicht, die Zimmer seien schlecht geschnitten, deshalb werde er Manolis kein besseres Angebot machen. Lieber baut er die große Ruine unterhalb der Kapelle um, der Blick in Richtung Meer: grandios. Ein paar Feigenbäume müsste er dafür abholzen, und das könnte das Letzte sein, was Myron in seinem Dorf noch tut.
Nach kurzer Zeit in Kapsaliana haben sich die Sinne des Großstädters enorm geschärft, in der totalen Stille vernimmt er plötzlich Laute. Er hört das Tirili ferner Schwalben, das Gezirp der Zikaden in der nahen Schlucht und von weit her das Plätschern einer Quelle. Er steht fassungslos vor der Pracht magentafarbener Bougainvilleen und versinkt danach, statt eine Wanderung zu tun, im Liegestuhl auf der Dachterrasse, blickgeschützt von Paravent und Mauerwerk. Die Stille, deren Nuancen er nun wahrnimmt, ist göttlich. Er vergisst Zeit und Welt, und irgendwann, um drei, um fünf, um sieben, verlässt er das Dorf in einem Taxi. Eine Stunde später kehrt die vergessene Welt zurück. Der Trubel am Flughafen von Heraklion ist tatsächlich höllisch.
http://www.zeit.de
Manchmal hört man auch gar nichts, dann ist die Stille total; es ist verblüffend, wie sehr der Mensch darin verloren gehen kann. Kein Motorengeräusch, kein fernes Flugzeug, nicht einmal ein Traktorgeratter. Kein Kirchenglockengeklöppel, kein Geläute vom Ziegenhals. Wie spät mag es sein? Neun oder elf oder drei, einerlei. Die Dachterrassentür steht offen, die Luft duftet nach Jasmin, und von der nahen Schlucht ziehen heiße Böen durchs Geäst der Olivenbäume. Die Sonne sticht früh herab und wandert, aber in Kapsaliana ändert sich nichts. Dieses Dorf liegt stumm am Hang und schweiget allezeit. Dem Dauergeschwätz der Welt hält es Dauerstille entgegen, wohltuenden Frieden. Doch das Dorf ist kein Dorf allein. Das Dorf ist jetzt ein Hotel. Es gibt zwei Gassen, ein Portal mit venezianisch anmutendem Rundbogen, 17 alte Steinhäuser – und eine lange Geschichte.
1763 ließ das vier Kilometer entfernt liegende Kloster Arkadi mitten im größten Olivenhain Kretas eine neue Ölpresse errichten. Immer schon lebte die Gegend um Kapsaliana vom Öl, mit ihm werden die Neugeborenen beträufelt und die Verstorbenen benetzt, und manche der über 1.200 Bäume rund um das Dorf sind 800 Jahre alt. Arbeiter siedelten sich an, um 1800 zählte das Dorf 50 Einwohner. Eineinhalb Jahrhunderte lang passierte wenig, die Haine wurden gepflegt, Oliven geerntet und gepresst.
1955 jedoch beschloss die Klosterleitung, den Standort aufzugeben und an anderer Stelle eine größere Anlage zu bauen. Die verbliebenen Arbeiter wurden alt, ihre Kinder zogen fort. Zwanzig Jahre später lebten nur noch zehn Einwohner hier, alle anderen waren gestorben oder über die schmale, schotterige Straße vom Dorf hügelaufwärts gezogen, in die nächstgrößere Siedlung Amnatos oder weiter. Als alles daniederlag und nur noch Frau Stamaktatis und ihr Neffe Manolis im letzten Haus am Ende der Gasse lebten, kam der kretische Architekt Myron Toupoyannis an Kapsaliana vorbei. Er arbeitete damals in Paris und war, wie jedes Jahr im August, auf Urlaub in der Heimat. Aus dem Auto eines Freundes erblickte er die Schönheit der Ruinen und fasste einen beinahe verwegenen Plan: dieses ruinierte Dorf als Hotel wieder aufzubauen. Und dabei jener Tradition Respekt zu erweisen, die ihn seit jeher faszinierte: der Kunst der Einfachheit.
Zwei Jahre später hatte er die ersten drei Ruinen erworben, dann das verfallene Gebäude der Ölpresse. Mit den Jahren kamen weitere Häuser dazu, der Aufkauf des Dorfs wurde zum Langzeitprojekt. Schließlich fuhr Toupoyannis hinauf zum Arkadi-Kloster, das 1866 beim Aufstand der Kreter gegen die türkischen Besatzer zu Weltruhm gelangte und ein beliebtes Ziel von Touristen ist. Bei zwei, vielleicht drei Gläsern Raki überredete er den massigen Abt Gabriel, ihm die Häuser zu verkaufen, die noch das Kloster besaß, und obendrein drei Hektar Land um das Dorf herum. Seither gehört ihm ganz Kapsaliana – bis auf ein Haus, in dem immer noch der inzwischen ergraute Manolis wohnt. Als neuer Besitzer, Investor und Architekt hätte Toupoyannis hier allerhand Gigantisches anstellen können: einen Vergnügungspark bauen oder einen Luxuskomplex, doch der neue Eigentümer ließ alles, wie es war. Er riss nichts ab, ebnete nichts ein. Er baute wieder auf und an und ein wenig um. Sein Team begradigte Wände und fügte den Ruinen hinzu, was die Zeitläufte ihnen genommen hatten – mit Stein und Holz aus der Umgebung und in der Schnörkellosigkeit der traditionellen Dorfarchitektur. Die Wohnräume der Oliven-Arbeiter von Kapsaliana wurden zu Suiten, ohne dabei ihre Einfachheit zu verlieren – das Alte ist neu auf alt gemacht.
Im Juni 2008, mitten in der tiefsten Wirtschaftskrise Griechenlands, eröffnete das Kapsaliana Village Hotel mit 21 Wohneinheiten, davon 17 in den alten Steinhäusern. Alle mit Holzdecke und weißen Vorhängen, beigem Putz und moderner, dezent versteckter technischer Ausstattung. Alle mit eigenem Eingang, eigener Terrasse und einem Namen, der eine Referenz an die Poesie des zauberhaften Sternenhimmels ist: Cassiopeia etwa, Orion, Eridanus oder Pleiades. Wer den gewundenen Weg auf schmaler Landstraße durch das Hinterland der Küsten auf sich nimmt, weiß genau, was er will: den Luxus der Stille, Rückzug und weitgehende Menschenverlassenheit.
Inzwischen ist Myron Toupoyannis 67 Jahre alt, und Kapsaliana ist sein Lebenswerk geworden, dem er sich mit ungebrochener Energie widmet. Weil ihn die Hektik der französischen Hauptstadt nervte, kam er zurück auf die Insel, in sein Hotel, wo er heute in einem der alten Häuser wohnt und das Dorfleben mit seinen Gästen aus den Niederlanden, Deutschland, Frankreich und England teilt. Das Dorf ist überschaubar: Von der dem Erzengel Michael geweihten Kapelle an seinem oberen Rand erreicht man das Portal am unteren Ende mit wenigen Schritten, der Weg ist neu gepflastert und nun auch für hohe Absätze gefahrlos. Von hier geht es noch zwei Treppenstufen hinab, dann steht linker Hand die Halle, in der die Oliven verarbeitet wurden. Die Original-Schraubenpresse, der Mahlstein und das Steinbassin sind von mystischem ölgelbem Licht museal in Szene gesetzt.
Draußen, in Gemäuernischen zwischen den Häusern, sind schlichte Tische mit cremefarbenen Stühlen arrangiert, dickbäuchige Öl-Amphoren ruhen wie Kunstwerke im öffentlichen Raum. Außerhalb des alten Dorfs ließ Toupoyannis Feigen- und Aprikosenbäume, Rosmarin-, Oregano-, Salbei- und Minzesträucher pflanzen, deren Aromen bereits von Weitem zu riechen sind. Hinter dem Garten baute der neue Dorfherr einen L-förmigen Komplex: mit Restaurant und Laube, mit Rezeption und Büro, dazu vier neue Häuser für die Gäste, die absolute Abgeschiedenheit suchen. Denn trotz aller Zivilisationsferne bietet Kapsaliana in seinem Kern jene Enge und Intimität ineinandergeschachtelter Mauern, die alte Dörfer an sich haben.
Doch selbst wenn alle Räume belegt sind, sieht man tagsüber niemanden. Sogar am Pool kann man in von Bäumen und Büschen gerahmten Nischen liegen, ohne jemanden zu Gesicht zu bekommen. Wer doch die Gegenwart eines anderen bemerkt, verfällt in ein Flüstern, als habe sich die Stille der Natur auf ihn übertragen. Nur abends im Restaurant, von dessen Laubendecke die Lampen herabhängen wie Vollmonde, treffen die Gäste etwas lauter zusammen, als wäre dort der alte Dorfplatz, auf dem einst die Arbeiter unterm Olivenbaum die Erlebnisse des Tages besprachen. Zart kommt eine Arie aus den Lautsprechern, Katzen schleichen um den Maulbeerbaum, und es werden Kalb und Schwein, Salat und Gemüse, Käse und Brot im Slow-Food-Stil serviert: das, was der kretische Boden hergibt, was in und um Kapsaliana wächst und aufwächst, was die Jahreszeit abwirft.
Dass das Dorf einmal verfallen war, ist nur noch an Details zu erkennen. Manche Mauer ist mit Unkraut überwuchert und eines der Häuser noch ein Steingerippe – das Dach fehlt, die Balken sind morsch, der Anblick der Ruine ist geradezu romantisch. Am Ende der Gasse, dort, wo sich der Pfad verjüngt und in den Lehm des angrenzenden Olivenhains hineinwindet, steht das Haus von Manolis Stamaktatis. 1948 wurde er hier geboren, nie hat er woanders gelebt. Seine Urahnen waren die Ersten, die sich um 1760 hier niederließen, heute ist Manolis der letzte Einheimische.
Der Alte und der Neue kennen sich gut, manchmal kommt Toupoyannis abends in Manolis’ Laube. Es gibt dann Erdnüsse, und Manolis schenkt Raki, den griechischen Grappa, aus einer Plastikflasche ein. Alles liegt bei ihm kreuz und quer, ungerahmte Fotos vergilben an der Wand, auf dem Tisch stehen Teller und Pfannen und unter den Tischen Flaschen und Kanister. Ja, sagt Manolis, Kapsaliana sei noch immer sein Zuhause, und nein, Myron sei kein Eroberer. Warum auch? Das Dorf sei fast verschwunden gewesen, da sei Toupoyannis aus dem Nichts gekommen und habe es gerettet. Und jetzt lebe es fort, ziehe Gäste an und sei schöner als je zuvor. Und das Haus? Sein Haus? Das letzte, das dem Village Hotel noch fehlt? 100.000 Euro, sagt Myron, würde er für Manolis’ Haus geben, mehr nicht. Manolis schweigt dazu. Er wartet und spekuliert, dass der Hotelbesitzer einmal mehr bieten wird.
Er wird umsonst warten, sagt Myron später auf dem Weg zurück ins Restaurant. Manolis’ Haus biete keine gute Aussicht, die Zimmer seien schlecht geschnitten, deshalb werde er Manolis kein besseres Angebot machen. Lieber baut er die große Ruine unterhalb der Kapelle um, der Blick in Richtung Meer: grandios. Ein paar Feigenbäume müsste er dafür abholzen, und das könnte das Letzte sein, was Myron in seinem Dorf noch tut.
Nach kurzer Zeit in Kapsaliana haben sich die Sinne des Großstädters enorm geschärft, in der totalen Stille vernimmt er plötzlich Laute. Er hört das Tirili ferner Schwalben, das Gezirp der Zikaden in der nahen Schlucht und von weit her das Plätschern einer Quelle. Er steht fassungslos vor der Pracht magentafarbener Bougainvilleen und versinkt danach, statt eine Wanderung zu tun, im Liegestuhl auf der Dachterrasse, blickgeschützt von Paravent und Mauerwerk. Die Stille, deren Nuancen er nun wahrnimmt, ist göttlich. Er vergisst Zeit und Welt, und irgendwann, um drei, um fünf, um sieben, verlässt er das Dorf in einem Taxi. Eine Stunde später kehrt die vergessene Welt zurück. Der Trubel am Flughafen von Heraklion ist tatsächlich höllisch.
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